EINBLICKE IN DIE PRAXIS

Start auf Distanz: Wie neue Leitungen von Familiengrundschulzentren im Lockdown Kontakt zu Eltern und Kindern aufbauen können

Wir befinden uns seit März 2020 in einer Pandemie. Schulen und damit auch die Familiengrundschulzentren mussten bereits mehrmals für den Präsenzverkehr schließen. Gleichzeitig sind durch zwei neue Förderrichtlinien in Nordrhein-Westfalen „kinderstark – NRW schafft Chancen“ und „Familiengrundschulzentren im Ruhrgebiet“ 2020 und 2021 zahlreiche neue Familiengrundschulzentren (FGZ) in den Kommunen beantragt worden. Das hat zur Folge, dass viele Familiengrundschulzentren im Lockdown in den Betrieb gestartet sind. Doch wie baut man Kontakt zu Eltern und Kindern auf, wenn man diese nicht täglich in den Räumen der Schule sieht? Wir haben die langjährige Leiterin des Familienzentrum Sternschule in Gelsenkirchen, Tanja Hupe, gefragt. Ihre Empfehlung lautet: eine niedrigschwellige Ansprache der Eltern über unterschiedliche Kanäle.

Tanja Hupe: „Diese Zeit ist eine sehr große Herausforderung und ich bin wirklich dankbar, dass wir vor Jahren ohne Pandemie starten konnten. Ich würde mich ganz klar an der Struktur der Schule orientieren und schauen, wie die Lehrkräfte den Kontakt zu den Eltern pflegen und den Austausch suchen. Bei uns in der Sternschule ist es so, dass ich erfahre, wenn Elternnachmittage oder -abende stattfinden. Dort kann man dann erscheinen und sich vorstellen. Ich würde irgendwie versuchen, mich bei den Eltern und auch bei den Kindern in den Blick zu schieben. Wenn die Lehrkräfte ihre Klassen über Zoom oder Teams sehen, würde ich den Kindern dort schon ein kleines Angebot machen. Ich würde irgendwas machen, um die Kinder zu gewinnen, mit der Hoffnung, dass sie ihren Eltern vom Angebot berichten. Wenn es wie bei uns ein Padlet gibt, kann man dieses nutzen. Ich würde jeder neuen Leitung eines Familiengrundschulzentrums dazu raten, ein Padlet zu installieren, weil das eine sehr gute Kommunikation mit Kindern und Eltern ermöglicht. Bei uns bietet auch IServ die Möglichkeit, mit den Eltern zu kommunizieren. Mit der Schulplattform IServ arbeiten wir hier an der Sternschule. Dort sind die Kontaktdaten aller Eltern gespeichert und ich habe Zugriff darauf. Das ist das einfachste, weil die Eltern damit vertraut sind und ich die Eltern einfach über E-Mail kontaktieren kann. Ich weiß allerdings nicht, womit andere Kommunen arbeiten. Wir hängen auch alle Angebote und Informationen unseres Familienzentrums in den Schaukasten. So ist unser Angebot immer draußen sichtbar und auch für die Eltern zugänglich, die auf diesem klassischen Weg kurz schauen wollen, ob es etwas Neues gibt.

Auch diese Zeiten, wenn die Kinder mit ihren Eltern etwas bringen oder abholen müssen – bei uns sind das die Kiosk-Zeiten – würde ich in irgendeiner Form nutzen und Briefe oder Bilder mitgeben. Ich würde beim Start eines neues Familiengrundzentrums direkt die Eltern und Kinder mit Dingen locken. Also: Du machst was und du kriegst was von mir. Das haben wir zu Beginn des Lockdowns auch gemacht. Wir haben den Kindern Kratzbilder mit einem kleinen Brief geschickt und gesagt: „Wenn Du uns das Kratzbild gestaltet wieder bringst, bekommst Du ein Dankeschön.“ Dann hat jeder einen Jutebeutel mit Springseil und Seifenblasen bekommen. Dadurch habe ich Kontakt hergestellt und die Kinder mussten mir etwas zurückbringen. Ich hatte Zeiten festgelegt, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit das es möglich ist, die Bilder vorbeizubringen. Dadurch hatte ich noch mal persönlichen Kontakt.

„Ich würde beim Start eines neues Familiengrundzentrums direkt die Eltern und Kinder mit Dingen locken.“

Tanja Hupe
Leiterin des Familienzentrum Sternschule in Gelsenkirchen

Den persönlichen Kontakt zu suchen und herzustellen, ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Ich würde zeigen: Hier bin ich, das gebe ich Euch und fragen, worauf Kinder und Eltern Lust haben. Denn gerade am Anfang hat man keinen Überblick darüber, was die Eltern brauchen. Man kann dabei ganz niederschwellig anfangen, den Kontakt zu den Kitas herstellen und die neuen Eltern direkt abgreifen. Ich würde überall, wo es möglich ist, mein Gesicht zeigen, damit Eltern und Kinder mich wiedererkennen und mit mir etwas anfangen können. Denn wenn dieser erste Kontakt besteht, kann ich ganz anders auf die Eltern zugehen. Wenn ich zum Beispiel von einem Lehrer höre, dass Kinder in der Notbetreuung auffallen, kann ich die Eltern einfach mal ansprechen und fragen, wie es ihnen geht und ich bin für sie in diesem Moment keine Fremde.

Das haben wir auch am Anfang des Lockdowns so gemacht. Denn Schule ist für manche Eltern ein schwieriger Ort und jetzt dürfen sie diesen noch nicht mal mehr betreten. Das hat schon manchmal etwas Bedrohliches für die Eltern. Ich würde daher zum Start eines neues Familiengrundschulzentrums immer etwas Nettes machen. Das ist der Bonus, den wir haben. Und dabei würde ich ein halbes Jahr lang bleiben – nur positive Dinge, schöne Sachen. Im Lockdown sind die Voraussetzungen von Kommune zu Kommune unterschiedlich, aber wenn es die Möglichkeit gibt, Eltern zusammenzubringen, würde ich das in irgendeiner Form machen. Was wir zum Beispiel nochmal anbieten werden, ist ein Dialog-Spaziergang. Ich darf mich mit einer Person treffen. Warum also nicht um den Block mit Maske und Abstand gehen und sich ein bisschen unterhalten? Das ist noch mal was ganz anderes als zu sagen, wir machen das über Zoom oder Teams. Wir probieren einfach viel aus und ich sage immer: Auch wenn ich nur zwei Eltern erreiche, dann ist es das schon wert und diesen beiden Familien konnte ich etwas mitgeben.“

WEITERE INFORMATIONEN

Kommune: Gelsenkirchen
Ansprechpartnerin: Tanja Hupe
Familiengrundschulzentrum: Sternschule, Start 2014