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Status Quo der Familiengrundschulzentren in Nordrhein-Westfalen

Elternabend 2000 an einer Grundschule in sozial herausfordernder Lage in Nordrhein-Westfalen (NRW): Die Stimmung ist angespannt, gedrückt bei den wenigen Eltern, die überhaupt gekommen sind, und auch bei den Lehrerinnen und Lehrern. Es folgt eine halbe Stunde gemeinsamer Problembefassung: Probleme des Kindes im Unterricht, mit dem Lehrstoff, mit der Lehrkraft oder mit den Mitschülerinnen und -schülern, beim Miteinander in der Schulgemeinschaft oder schlichtweg aufgrund des kompletten Fernbleibens vom Unterricht.

2021 an eben dieser Grundschule: Es gibt keine Elternabende mehr. Die Eltern kommen freiwillig regelmäßig in die Schule, z.B. ins Elterncafé, tauschen sich dort aus, holen sich dort Unterstützung.  Gemeinsam tragen Familien und Schule Verantwortung für ein gelingendes Miteinander, ein gelingendes Schulleben, ein gelingendes Familienleben und letztlich oder zuvorderst das Gelingen der Bildungslaufbahn ihrer Kinder. Diejenigen Eltern, die den Weg in die Schule nicht schaffen, werden proaktiv und anlassfrei von den Lehrerinnen und Lehrern angerufen, um zu berichten, welche Fortschritte ihr Kind erzielt hat und eingeladen, sich einmal persönlich im Rahmen eines der Eltern-Kind-Angebote davon zu überzeugen. Es stehen nicht mehr die Probleme im Vordergrund, sondern die Ressourcen, die Eltern und Kinder mitbringen.

Was sich wie eine Utopie liest, wird an immer mehr Grundschulen in NRW Wirklichkeit. Die Grundschulen entwickeln sich, unterstützt durch ihre Kommunen, gefördert durch zwei Förderrichtlinien des Landes und mit dem Willen und Engagement der Akteure vor Ort zu Familiengrundschulzentren.

Wie haben sich Familiengrundschulzentren in NRW entwickelt?

Was 2014 auf Initiative der Stadt Gelsenkirchen begann, hat inzwischen in NRW zu rund 120 aktiven und geplanten Standorten von Familiengrundschulzentren geführt. Allein in Gelsenkirchen gibt es inzwischen zehn Familienzentren an Grundschulen. Zahlreiche Kommunen haben sich in Gelsenkirchen die ersten Familiengrundschulzentren angeschaut und sich den konzeptionellen Ansatz erklären lassen. Die Entwicklung voran getrieben haben dann u.a. zwei Förderrichtlinien des Landes NRW. Während sich in den 2010er Jahren nur ein paar Kommunen wie u.a. Aachen, Ahlen und Gelsenkirchen auf den Weg gemacht haben und die ersten Familiengrundschulzentren aus eigenen kommunalen Mitteln finanziert haben, wurden 2020 und 2021 dutzende Familiengrundschulzentren über die beiden Fördertöpfe des Landes beantragt. Mit der Richtlinie „kinderstark – NRW schafft Chancen“ unterstützt das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKFFI) den Auf- und Ausbau von Präventionsketten. In diesem Kontext wird auch der Aufbau von Familiengrundschulzentren gefördert. Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen (MSB) wiederum fördert im Rahmen der „Richtlinie zur Förderung von Familiengrundschulzentren im Ruhrgebiet“ wie der Name schon sagt, den Aufbau von Familiengrundschulzentren in kreisfreien und kreisangehörigen Städten, die dem Gebiet des Regionalverbandes Ruhr (RVR) zuzuordnen sind.

Neben diesen Finanzierungsmöglichkeiten begleiten mehrere Akteure in NRW den Aufbau und die Entwicklung von Familiengrundschulzentren fachlich und vernetzen die verschiedenen Standorte untereinander. So beraten im Rahmen von „kinderstark“ die Landesjugendämter des Landschaftsverband Rheinland (LVR) und des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) die Kommunen bei der Antragstellung. Kommunen, die Familiengrundschulzentren über die Förderrichtlinie des MSB fördern möchten, können sich hinsichtlich der Antragsstellung an die zuständige Bezirksregierung wenden. Qualifizierungsangebote und Austauschmöglichkeiten bieten die Servicestelle Prävention (kinderstark) und und für die beteiligten RVR-Kommunen die Koordinierungsstelle des Projekts „Familiengrundschulzentren im Ruhrgebiet“  (MSB-Richtlinie), die beide in Trägerschaft des Instituts für soziale Arbeit (ISA) sind. Hier knüpft auch die „Initiative Familiengrundschulzentren NRW“ an. In der Initiative haben sich mehrere Kommunen aus NRW zusammen­geschlossen, um Erfahrungen und Wissen zu teilen und sich gegenseitig bei der Etablierung von Familien­grund­schul­zentren zu unterstützen. Die Initiative, die von der Wübben Stiftung und der Auridis Stiftung getragen wird, bietet exklusive Formate wie Fachveranstaltungen an, die nur von den Initiativkommunen in Anspruch genommen werden können, aber auch offene Formate wie das Leitungs-Café für Leitungen von Familiengrundschulzentren in ganz NRW. Jede Kommune in NRW kann Teil der Initiative werden und es entstehen ihr keine Kosten.

Was können Familiengrundschulzentren bewirken? Warum braucht man sie?

In Deutschland hängen Bildungschancen immer noch stark von der sozialen Herkunft ab. Will man daran etwas ändern, muss man auch die Familien stärker in den Blick nehmen. Denn insbesondere im Grundschulalter ist der Einfluss von Eltern auf den Lernerfolg erheblich. Deswegen setzt das Konzept der Familiengrundschulzentren genau dort an – bei den Eltern. Was das heißt? Familiengrundschulzentren werden in der Regel in Stadtteilen mit vielen sozialen und ökonomischen Herausforderungen aufgebaut. Sie versuchen mit niedrigschwelligen Angeboten, Eltern den Zugang zu Schule zu erleichtern und Schule mit positiven Erfahrungen zu verbinden. Eltern kommen nicht mehr nur in die Schule, um über Probleme ihrer Kinder zu sprechen, sondern für das Elterncafé, den Näh- oder Kochkurs. Dadurch bauen Familiengrundschulzentren eine besondere Nähe zu Eltern auf und können diese auch nutzen, um Eltern auf weitere Angebote im Sozialraum aufmerksam zu machen, aber auch auf Informationsveranstaltungen der Schule. Schule und Eltern rücken näher zusammen und es entstehen wahre Bildungs- und Erziehungspartnerschaften.

Was wünschen wir uns in Zukunft für Familiengrundschulzentren?

Ein erstrebenswertes Ziel für die Zukunft ist – ähnlich wie bei der Entwicklung im Kita-Bereich – eine landesweite Verbreitung und nachhaltige Absicherung der Familiengrundschulzentren. Dabei sollten insbesondere Schulen in herausfordernder Lage in den Blick genommen und auf eine strukturelle Verankerung des Konzepts sowie eine gemeinsame Unterstützung durch das Kinder- und Jugendministerium und das Schulministerium hingewirkt werden. Diesen Weg möchten wir gemeinsam mit allen interessierten Kommunen gehen und durch ihr Handeln und Wirken die überzeugenden Weichen stellen. Blickt man über NRW hinaus, zeigen auch andere Bundesländer Interesse an dem Konzept der Familiengrundschulzentren. In Rheinland-Pfalz sind Familienzentren an Grundschulen beispielsweise im 2021 verabschiedeten Koalitionsvertrag verankert.

Das Team der „Initiative Familiengrundschulzentren NRW“

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